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Ein Stück „Caprivi“ auf der Insel Usedom von Wolfgang Reith
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Ein Stück „Caprivi“ auf der Insel Usedom von Wolfgang Reith
07/28/2011 4:11 am

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Ein Stück „Caprivi“ auf der Insel Usedom (geschrieben von Wolfgang Reith)

An der Promenade des Ostseebads Heringsdorf auf der Insel Usedom stehen zahlreiche alte Villen, die im typischen Baustil der wilhelminischen Ära zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts errichtet wurden und zum Teil namhaften Eigentümern gehörten. In der DDR-Zeit ziemlich heruntergekommen, wurden die Häuser seither fast durchweg schön restauriert und erstrahlen wieder in altem Glanz. Informationstafeln vor den Gebäuden weisen auf frühere prominente Besitzer oder Bewohner hin.
Unter den oft wie kleine Paläste wirkenden Häusern fällt eines durch seine Architektur, aber auch vom Namen her auf, die „Villa Caprivi“. Unweigerlich glaubt man natürlich, hier ein Gebäude vor sich zu haben, das im Zusammenhang mit dem früheren deutschen Reichskanzler, dem Nachfolger Bismarcks, steht. Da man eine Informationstafel jedoch vergeblich sucht und das Haus auch in einem Büchlein über historisch bedeutsame Villen an der Küste nicht auftaucht, muss man schon selbst Recherchen anstellen, die dann folgende Ergebnisse zutage förderten:
Die Villa wurde 1902 vom Berliner Architekten Schapiro für sich und seine Familie im Kolonialstil errichtet. Die Bedeutung dieses Stils liegt darin, dass das Haus im Erdgeschoss mit überdachten Loggien ausgestattet ist. Bis 1936 trug die Villa den Namen der Tochter des Bauherrn und Besitzers, „Gabi Nora“. In jenem Jahr erwarb sie der Sparkassendirektor Gustav Kühl, der sie nach seiner Frau in „Villa Ilse“ umbenannte.
Als 1953 in der sogenannten „Aktion Rose“ fast sämtliche Villen auf Usedom von der SED enteignet und dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zur Nutzung als Ferienhäuser übergeben wurden, nahm man die „Villa Ilse“ davon aus. Sie blieb im Besitz der Familie Kühl, die sie allerdings als Ferienheim „Bruno Kiesler“ an den FDGB vermietete.
Die Familie Kühl selbst wohnte bis 1994 in einem Anbau der Villa und verkaufte sie dann an eine Eigentümergemeinschaft. Schon 1990 hatte man mit Sanierungsarbeiten begonnen, die nach dem Verkauf 1994/95 fortgesetzt wurden, wobei man auch Erweiterungsmaßnahmen vornahm. Die Planung und Ausführung der Bauarbeiten lag in der Hand des Flensburger Architekten Hoffmann, der bestrebt war, dieses einzige im Kolonialstil gehaltene Haus in Heringsdorf in seiner historischen Substanz zu erhalten. Und weil er bei dem für Deutschland ungewöhnlichen Stil an markante Bauten aus der deutschen Kolonialzeit in Namibia erinnert wurde, wobei ihm zufällig der Caprivi-Zipfel – als landestypischer Begriff – einfiel (oder er ihn vielleicht auch auf einer Karte entdeckte), nannte er das Gebäude nach Fertigstellung „Villa Caprivi“, die seither Gästewohnungen mit Vier-Sterne-Komfort anbietet.
Sicherlich wird auch Reichskanzler Leo Graf von Caprivi in seinem Leben irgendwann einmal in Heringsdorf gewesen sein, so heißt es vor Ort, doch lässt sich das nicht mehr genau belegen. Er wäre aber bestimmt glücklich gewesen, hätte er damals bereits erlebt, dass eine Villa ihm zu Ehren seinen Namen tragen würde…

http://www.az.com.na/gesellschaft/ein-stck-caprivi-auf-der-insel-usedom.131355.php
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