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| Algemeen Dagblad
Samstag, 10. September 2011
Seite 1: Zeilmeisje ist auf halbem Wege. Laura Dekker fühlt sich wie neu geboren
'Mein Zuhause fühlte sich an wie ein Gefängnis mit offenen Türen'
DARWIN - Seglerin Laura Dekker ist fast 16 und hat bereits die Hälfte ihres Versuchs, als jüngster Mensch die Welt zu umsegeln, hinter sich gebracht. In Darwin spricht sie über das Erwachsenwerden, über ihre Loslösung von den Niederlanden und über ihre Eltern. 'Es gibt nichts mehr zwischen den Niederlanden und mir. Ich kann dort nicht das finden, was ich brauche. Eigentlich weiß ich noch nicht genau was ich will. Die Welt ist für mich noch immer offen.'
Es ist wieder einer dieser endlosen warmen, windstillen Wintertage in Darwin. Laura, sonnengebräunt und mit Narben an ihren Beinen - Erinnerungen an harte Tage auf See -, genießt die azurblaue See, die ihr Boot auf und nieder schaukeln läßt.
Plötzlich hält sie inne. 'Pst!... Ich höre sie atmen.' Ein paar Sekunden später springt sie auf. 'Sieh mal, da sind Delphine!' Sie zeigt auf die Schule von sechs spielenden Meeressäugern, die an Guppy vorbeischwimmt. 'Es ist eine Weile her, seitdem ich zum letzten Mal Delphine gesehen habe.'
Ihre letzte Überfahrt war nicht einfach, und auch die folgende Etappe zu den Cocos Keeling Inseln wird wahrscheinlich hart werden. Aber jetzt wird die Seglerin zunächst für einige Wochen an ihrem Boot arbeiten, ihren Geburtstag feiern und sich ausruhen. Sie hat ihr Zeitgefühl vollkommen verloren. Ihr Vater half ihr, sich daran zu erinnern, daß sie bereits seit einem Jahr unterwegs ist. Es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen.
Du bist auf halbem Wege Deiner Reise angekommen, und es liegen noch weitere neun Monate vor Dir. Hast Du nie erwogen, nonstop zu segeln?
"Dann hätte ich eine Menge schöner Orte verpasst. Davon abgesehen wäre es unmöglich gewesen. Im Augenblick ist Guppy in ihre Einzelteile zerlegt: das Steuerrad ist abmontiert, ihre Segel sind zerrissen und das Ruder ist blockiert. Und daneben gibt es noch etwa tausend andere Gründe, um sie aus dem Wasser zu heben.
Das ist aber nicht besorgniserregend. Durch den ständigen Verschleiß durch den Wind, die Sonne und den Seegang ist eigentlich jedes Boot nach einer Weltumsegelung mehr oder weniger ein Wrack. Zum Glück bin ich nicht total ungeschickt, und mein Vater, der alles [reparieren] kann, ist im Augenblick bei mir. Ich hoffe, daß ich nach meinem Geburtstag [20. September] weitersegeln kann."
Musst Du dann weiter?
"Die Regenzeit wird dann anfangen, und davon abgesehen, habe ich von jedem Ort, den ich besuche, nach einiger Zeit genug. Das passiert mir bei diesen wunderschönen Bounty-Inseln viel schneller als bei einer großen Stadt wie Darwin.
Weil es gibt dort nichts außer Palmen, weißen Stränden und netten Menschen. Mit den einheimischen Jugendlichen dort habe ich kaum Kontakt gehabt, da sie in einer völlig anderen Welt leben. Sie verstehen den Sinn meiner Reise nicht, warum ich ein Boot gekauft habe, und warum ich von meinen Eltern weggegangen bin. In Darwin habe ich schnell Freundschaften mit ein paar Gleichaltrigen, die auf meiner Wellenlänge liegen, geschlossen."
Lebst Du ihren ultimativen Traum?
"Zuerst würden sie gerne ihr Leben mit meinem tauschen. Ich tue das, was sie gern tun würden: von den Eltern weg zu sein, tun und lassen können, was man will, und eine Party nach der anderen feiern.
Aber sehr bald erkennen sie, daß die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Segeln bedeutet harte Arbeit, und an Land gibt es auch genug zu tun. Wenn man genau darüber nachdenkt, gibt es keinen Grund, mit mir tauschen zu wollen. Aber sie finden mich cool, denn ich kann und darf das tun."
Was ist denn dann der Grund für Dich, diese Reise zu machen?
"Ich habe einige Jahre damit verbracht, diese Reise vorzubereiten. Ich werde angetrieben von der Lust auf Abenteuer und davon, meinen Horizont zu erweitern. Segeln ist meistens todlangweilig. Loszusegeln ist zwar ganz schön, aber schon am zweiten Tag denke ich '****, was mache ich hier eigentlich?'
Der Wind weht meistens aus der falschen Richtung, oder man muß zwischen Riffen hindurchsegeln, oder man wird von der Dünung hin und hergeworfen.
Daran zu denken, was ich alles durchgemacht habe um hierher zu gelangen, hilft mir dann sehr. Anzukommen ist auch immer wunderbar, auch wenn es stürmt oder regnet, denn dann fühlt man den 'Kick', wieder ein paar tausend Meilen ganz alleine gesegelt zu sein. Es ist aufregend, lange Strecken zu segeln, und seine Grenzen auszutesten. Aber ich fordere keine Gefahren heraus nur für einen Adrenalinkick."
Hängt das auch damit zusammen, daß Du gerne unabhängig und selbstständig sein willst?
"Ja, Guppy ist mein Zuhause, und alleine zu leben ist großartig. Ich wurde sehr selbstständig erzogen, aber für mich fühlte sich mein Zuhause wie ein Gefängnis mit offenen Türen an. Es gab immer jemanden, der mir über die Schulter blickte.
Keine Eltern um mich herum zu haben und für mich selbst verantwortlich zu sein, ist wunderbar. Manchmal, wenn sie oder Freunde zu Besuch kommen, könnte ich fast verrückt werden. Es ist schön, sie zu sehen, aber über Skype und e-Mails kommen sie mir nahe genug."
Warum?
"Jedes Mal, wenn sie mich besuchen, stören sie meinen Rhythmus. Es ist nicht leicht, ihn danach wiederzufinden. Darüber hinaus kommen sie alle zur selben Zeit und zu Orten, die leicht zu erreichen sind. Sie wollen dann meine Aufmerksamkeit und sind an das Leben an Bord nicht gewöhnt..."
Jetzt ist Dein Vater hier bei Dir...
"Mit meinem Vater ist es am schwierigsten. Wenn er zu Besuch kommt, erledigen wir gewöhnlich all die nötigen Arbeiten an Guppy, und dann haben wir nicht viel Zeit, um zu reden. Er ist ein Perfektionist - das macht mich ganz irre.
Wenn ich Reparaturen ausführe, mache ich das meistens provisorisch, und damit ist er nicht einverstanden. Wir diskutieren oft stundenlang, und zum Schluß sagt er dann, daß ich ihm nicht zuhöre. Je weiter ich mich von den Niederlanden entferne, desto mehr leben wir uns auseinander. Einerseits gefällt mir das, da ich meinen eigenen Weg finden muß. Papa tut wirklich sein Äußerstes, um mich loszulassen, aber es bleibt eine sehr schwierige Angelegenheit. Und wenn er mich wieder verläßt, vermisse ich ihn natürlich."
Hast Du manchmal seelische Tiefs?
"Während der Überquerung des Atlantiks habe ich einen schweren Sturm mitgemacht. Rückschläge wie diese bringen mich zum weinen, und erst dann realisiert man, wie weit man wirklich vom Land entfernt ist.
Die Überfahrt nach Tonga war auch scheiße. Während der ersten Woche war ich krank und wegen einer Windstille bin ich kaum voran gekommen. Danach wehte der Wind aus der falschen Richtung und ich hatte sieben Meter hohe Wellen... Da bekam ich dann plötzlich Höhenangst. Aber am nächsten Tag war alles wieder in Ordnung, und ich bin nie total in Panik geraten."
Hattest Du niemals ernsthaft daran gedacht, aufzugeben?
"Natürlich! Aber das dauerte immer nur einen Augenblick. Besonders am Anfang meiner Reise. Ein paar Wochen bevor ich in Darwin ankam und nah an Neuseeland vorbeisegelte, habe ich in Erwägung gezogen, abzubrechen und dorthin zu gehen. Es war immer mein Ziel, meinen Geburtsort Whangharei zu besuchen. Da aber die Kinderbescherming [Jugendschutzbehörde] meine Reise verzögert hatte, konnte ich das nicht tun. Ich war sehr wütend...
Alle schlimmen Erinnerungen kamen wieder hoch. Aber darüber zu schreiben und zu reden half mir sehr, und ich werde Neuseeland noch immer irgendwann einmal besuchen können."
Würdest Du deine Reise wirklich abbrechen?
"Ich würde Guppy niemals im Stich lassen. Es ist mir egal, ob ich mit meiner Reise in die Geschichtsbücher eingehen werde. Ich möchte das ganz allein für mich machen, und ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich aufgeben würde."
Ist das Segeln die ganze Zeit über schrecklich?
"Die Überfahrt zu den Galápagosinseln war fantastisch. Ich hatte den Wind immer schräg von achtern bei sehr schönem Wetter. Wenn man sich abends einen Sonnenuntergang ansieht, ist man überglücklich. Es ist eine art Hassliebe. Einerseits liebe ich die See, andererseits fürchte ich sie, denn sie kann dich mit einem Schlag verschlingen."
Hat Dich deine Reise verändert?
"Ich habe mich völlig verändert. Jetzt weiß ich ganz genau was ich kann und wo meine Grenzen liegen. Ich bin auch flexibler geworden. Direkt nach meiner Abreise kannte ich mein Boot noch nicht so gut. Bei Windstärke 5 zum Beispiel wußte ich nicht, of ich das Großsegel reffen mußte oder nicht. Nun kann ich Guppy fast blind segeln.
Wenn mich Leute vor meiner Abreise gefragt haben, ob ich diese Reise bewältigen könne, habe ich immer mit 'Ja, natürlich!' geantwortet. Tatsächlich habe ich mir diese Frage aber auch gestellt. Die Kap Verdischen Inseln erschienen mir damals so weit weg von Zuhause. Und nun bin ich hier, und ich weiß, daß ich es kann."
Wurden Deine Erwartungen übertroffen?
"Ja, obwohl meine Reise nicht so verlief, wie ich sie geplant hatte. Ich wollte keine Publizität, und natürlich gehen Dinge von Zeit zu Zeit kaputt. Jedoch hätte es meiner Meinung nach nicht besser laufen können, und es läuft besser als erwartet."
Du haderst noch immer mit den Medien... ist das nur schrecklich für Dich?
"Es hat natürlich auch Vorteile. Finanziell bin ich nun weniger abhängig. Es gibt Leute, die meine Reise verfolgen und mir Geld spenden, es gab zum Beispiel einen Niederländer, der extra von Melbourne - 4000 Kilometer entfernt - hierher kam, um mir 100 Dollar zu schenken.
Der größte Nachteil ist und bleibt meine Bekanntheit. Es ist zwar schön, wenn die Bewohner einer Insel spontan...
[Satz unvollständig]
...sie tun das nur wegen mir. Überall - auch hier - heißt es immer 'Laura, Laura, kann ich...?'
Manchmal wird mir das zu viel. Zum Beispiel als ich nach 38 Stunden ohne zu schlafen in Panama von Kamerateams belagert wurde. Diese Leute kannten nicht einmal meinen Namen."
In Australien wird Dir weniger Beachtung geschenkt. Wird es eine Einladung, Dein Australisches Pendant Jessica Watson zu treffen, geben?
"Sie war in Darwin und hat einen Vortrag gehalten. Leider war ich zu dieser Zeit noch nicht dort, und ich habe seitdem nichts von ihr gehört. Es wäre großartig, Erfahrungen mit ihr auszutauschen, obwohl ihre Reise ganz anders war als meine, und ich schon mit den Vorbereitungen zu meiner Reise beschäftigt war, bevor Jessica bekannt wurde.
Ich habe eine nette Reaktion von Abby Sunderland erhalten. Sie hat, ebenso wie ihr Bruder Zac, versucht, die Welt nonstop zu umsegeln, musste jedoch aufgeben. Sie hat mir Erfolg gewünscht und fand es total cool, daß ich ungeschoren durch die Torres Straße gekommen bin [Satz unvollständig]."
Anderes Thema. Du hast etwas von Schule gesagt...
"Nachdem ich einige Monate ernsthaft daran gearbeitet hatte, habe ich meine Schularbeiten auf Sparflamme gesetzt. Auf See kann ich damit nicht weitermachen, und meine Aufenthalte in den Häfen werden immer kürzer. Ich werde mich jetzt auf meine Reise konzentrieren und danach mit dem 5. [letzten] HAVO Schuljahr weitermachen." Anmerkung: Die HAVO (Hoger algemeen voortgezet onderwijs) ist eine Schule, die zwischen der Realschule und dem Gymnasium angesiedelt ist. Der Abschluß ist in etwa mit dem Fachabitur zu vergleichen.
Wo möchtest Du das tun?
"Ich erwarte, meine Reise im nächsten Frühjahr zu beenden. Dann kann ich zurück in die Niederlande gehen und wieder in Den Osse [Zierikzee] zur Schule gehen, und daneben meinem Vater beim Bau seines Bootes helfen. Ein anderer Plan ist, danach nach Neuseeland zu gehen."
Wird das Dein Abschied von den Niederlanden sein?
"Ich habe keine Verbindung mehr zu den Niederlanden. Es ist nicht nur wegen der schlechten Erfahrungen, die ich [2009/2010] gemacht habe. Als ich im März zurück in den Niederlanden war, um an der HISWA [Wassersportmesse in Amsterdam] teilzunehmen, habe ich mich dort nicht mehr zuhause gefühlt. Niederländer haben eine andere Kultur und eine andere Lebensweise. Ich kann dort nicht das finden, was ich brauche. Ich weiß aber noch nicht genau, was ich will. Die Welt ist für mich noch immer offen.
Suzanne Docter
Übersetzung aus dem Niederländischen. Mit freundlicher Genehmigung des Algemeen Dagblad, Rotterdam www.ad.nl |